Bundesumweltministerium blamiert sich: Nordsee erwärmt sich NICHT schneller als die Ozeane

Die Tagesschau berichtete am 9. September 2017 über eine vermeintlich bedrohliche und anomale klimatische Entwicklung in der Nordsee:

Umweltministerium: Nordsee erwärmt sich schneller als Ozeane
Die Nordsee hat sich in den vergangenen 45 Jahren doppelt so schnell erwärmt wie die Ozeane. Die Durchschnittstemperatur der deutschen Nordsee stieg um 1,67 Grad, während es bei den Ozeanen 0,74 Grad waren. Das geht aus der Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen hervor, die der “Neuen Osnabrücker Zeitung” vorliegen. Die Regierung beruft sich auf Zahlen des Weltklimarates IPCC und des Alfred-Wegener-Instituts bis zum Jahr 2010. [...] Die Grünen fordern Gegenmaßnahmen: “Die Klimakatastrophe schreitet voran, auch wenn US-Präsident Donald Trump sie leugnet oder Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz sie aussitzen”, sagte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Julia Verlinden der “Neuen Osnabrücker Zeitung”. [...]

Ganze Meldung auf Tagesschau.de lesen.

Ein wenig ungewöhnlich erscheint die Berichterstattung in Deutschlands wichtigster Nachrichtensendung über die Kleine Anfrage der Grünen schon. War die Meldung vielleicht als kleine Wahlkampfhilfe für die Grünen gedacht? Die Aussage der Meldung ist interessant. Wir nehmen sie zum Anlass, die Fakten zu überprüfen und Hintergründe zu diskutieren.

1) Erwärmung der Weltozeane während der letzten 45 Jahre

Auf welche Daten bezieht sich diese Aussage? Satellitendaten können es nicht sein, denn die sind nur für die letzten 38 Jahre verfügbar. Der Startpunkt der letzten 45 Jahre liegt im Jahr 1972. Der HadSST3-Datensatz erfasst die Entwicklung der globalen Meeresoberflächentemperaturen. Plotten kann man ihn online auf Woodfortrees (Abb. 1). Die Erwärmungsangabe im Tagesschau-Bericht von 0,74°C scheint in Ordnung zu sein.

Abb. 1: Entwicklung der Oberflächentemperatur der Ozeane in den letzten 45 Jahren.

 

2) Erwärmung der Nordsee während der letzten 45 Jahre

Im nächsten Schritt prüfen wir die Erwärmung der Nordsee im selben Zeitraum. Im letzten Jahr (2016) erschien ein von Markus Quante und Franciscus Colijn herausgegebener Klimareport zur Nordsee. Das pdf können Sie kostenfrei beim Springerverlag herunterladen. Auf Seite 88 finden wir in Fig. 3.3 den Meeresoberflächen-Temperaturverlauf der Nordsee für die vergangenen 140 Jahre:

Abb. 2: Temperaturverlauf der Meeresoberflächen in der Nordsee für die vergangenen 140 Jahre. Quelle: Huthnance et al. 2016 in Quante & Colijn 2016.

 

Gut zu erkennen: Zu Beginn der 1970er Jahre herrschte ein Temperaturplateau bei ca. 0,3°C in der Abbildung vor. Anfang der 1980er Jahre sackten die Temperaturen dann kräftig ab. Danach ein steiler Wiederanstieg, der um 2010 kulminierte. Im Anschluss sackten die Temperaturen wieder ab und liegen heute bei 0,4°C in der Abbildung. Wenn man die Punkt-zu-Punkt-Entwicklung von 1972 bis heute anschaut, so ergibt sich lediglich eine Erwärmung von 0,1°C, und nicht die von der Tagesschau behaupteten 1,67°C. Wie kommt die Tagesschau auf diesen hohen Wert? Zunächst einmal endet die Betrachtung im Jahr 2010, auf dem Höhepunkt der Entwicklung. Offenbar hat man ganz bewusst die Abkühlung in den Folgejahren ausgeklammert, lässt die Bürger über diesen Teil der Entwicklung im Dunklen. Das grenzt schon fast an Betrug. Desweiteren begann man die Betrachtung offenbar Anfang der 1980er Jahre – auf dem absoluten Tiefpunkt der letzten Jahre – was schlecht zum 45-Jahresintervall passt. Nur wenn man die in der Nordsee außerordentlich kalten 1980er Jahre einbezieht, kann man auf mehr als anderthalb Grad Erwärmung kommen.

Hätte man die warmen Jahre 1930-1980 berücksichtigt, so würde die Gesamterwärmung bis heute ebenfalls geringer ausfallen als angegeben. Sie können es aus Abbildung 2 selber grob abschätzen: Beginn der Zeitreihe um 1870 auf dem Niveau von ca. -0,1°C (rote Linie). Ende der Zeitreihe heute bei gemittelten 0,7°C. Das macht eine Gesamterwärmung in den letzten knapp 150 Jahren in der Nordsee von 0,8°C, was ironischerweise etwa der Erwärmung der globalen Ozeane in den letzten 45 Jahren entspricht. Die Nordsee erwärmt sich NICHT schneller als der Rest der globalen Ozeane. Hier werden die Ozeanzyklen und ihr modulierendes Wirken verschwiegen. Das wiegt umso schwerer, da der zitierte Nordseereport die Nordatlantische Oszillation und andere Ozeanzyklen als wichtigen Steuerungsfaktor herausarbeiten. Fazit: Das Bundesumweltministerium und die darüber berichtende Tagesschau tricksen hier, dass sich die Balken biegen. Zeitintervalle werden in fragwürdiger Weise gewählt, um die Erwärmung bewusst zu dramatisieren.

 

3) Wie ordnet sich die Erwärmung der Nordsee in den langfristigen Klimakontext ein?

Die Erwärmung der Nordsee in den letzten 150 Jahren verwundert nicht, denn es stellt den Übergang der Kleinen Eiszeit zur Modernen Wärmeperiode dar. Um Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen, hätte eine Betrachtung der Mittelalterlichen Wärmeperiode (MWP) stattfinden müssen, die im nordatlantischen Raum gut beschrieben ist und ein ähnlich hohes Temperaturniveau zeigte wie das heutige Klima in der Region. Unser MWP-Kartierprojekt hat die entsprechenden Studien aufgearbeitet. Im Rahmen der Diskussion zum Tagesschau-Beitrag hat ein der Redaktion nahestehender Leser einen wichtigen Hinweis auf die MWP anbringen wollen. Die Aussparung dieses “Elefanten im Raum” wäre ein wichtiger Gedankenanstoß zur Debatte zum Beitrag gewesen. Sie werden es nicht glauben, der Kommentar wurde von der Tagesschau-Moderation nicht freigegeben:

Abb. 3: Screenshot des Kommentars zum Tagesschau-Beitrag, der von der Moderation aus unerfindlichen Gründen nicht freigegeben wurde.

 

Befindet sich etwas Anstößiges im Kommentar? Der Link kann es nicht sein, der führt nämlich zu einer angesehenen Fachzeitschrift. Laut Tagesschau-Kommentarregeln sind Links nicht von vorneherein verboten. Daher scheint es andere Gründe zu geben, weshalb die Moderation diesen Punkt nicht auf der Tagesschauseite sehen wollte. Vermutlich ging es einfach darum, den klimaalarmistischen Schwung der Meldung nicht durch unbequeme Fakten zu gefährden. Das läuft landläufig unter Zensur, die es in diesem Fall wert wäre, näher untersucht zu werden. Wer blockiert hier genau und aus welchen Gründen?