Erklärung der Bundesregierung zum Klimawandel: Eine Analyse und der Versuch eines Dialogs

Die Deutsche Bundesregierung warnte die Bevölkerung am 26. Februar 2015 auf ihrer Webseite www.bundesregierung.de eindringlich vor einer bevorstehenden Klimakatastrophe. Sowohl Klimaschutz als auch Anpassungsbemühungen würden teuer werden, erklärte man den Untertanen. Bei so viel Geld lohnt es sich, den Pressetext einmal genauer durchzulesen und zu analysieren. Die Bundesregierung schreibt:

Kampf gegen Erderwärmung: Klimaschutz hat Priorität

In vielen Teilen der Erde steigen die Temperaturen. Naturkatastrophen nehmen zu und verursachen enorme Kosten. Die Bundesregierung nimmt diese Risiken sehr ernst. Auf dem G7-Gipfel wird sich Bundeskanzlerin Merkel deshalb besonders für den Klimaschutz einsetzen.

Der angesprochene G7-Gipfel wird dieses Jahr von Deutschland ausgerichtet und findet in einer der schönsten Regionen Bayerns, im Schloss Elmau unweit der Isartal Gemeinden Mittenwald und Krün vom 7.-8. Juni 2015 am Fuße des Wettersteingebirges statt. Barack Obama liebt bekanntlich das Klimathema, da möchte Angela Merkel ihm vielleicht einen Gefallen tun und bei einem Glas Wein ein paar schön-schaurige Katastrophenszenarien mit ihm durchdiskutieren.

Aber was ist von den Behauptungen in der Einleitung zu halten? In welchen Teilen der Erde steigen die Temperaturen? Bekanntlich steigen die Temperaturen im weltweiten Durchschnitt seit 17 Jahren nicht mehr. Irgendwo wird es regional sicher wärmer, aber anderswo auch kälter. Statistisch mitteln sich diese beiden Entwicklungen jedoch. Die Behauptung “In vielen Teilen der Erde steigen die Temperaturen” ist daher irreführend.

Naturkatastrophen nehmen angeblich zu? Stimmt das? Die Munich Re hat im Januar 2015 Bilanz gezogen. Das Fazit ist ein ganz Anderes als es die Bundesregierung behauptet. Laut den Münchner Rückversicherern sind die letzten drei Jahre 2012-2014 allesamt ziemlich glimpflich verlaufen. Die Frankfurter Rundschau titelte dazu am 7. Januar 2015: “Wetterextreme: Weniger Schäden durch Naturkatastrophen“.

Kein guter Anfang der Verlautbarung mit gleich zwei bösen Schnitzern. Lesen wir weiter:

Das Jahr 2014 war weltweit das wärmste seit 1881, dem Beginn der regelmäßigen Messungen. Das ergaben Untersuchungen der US-Weltraumbehörde NASA und des US-Wetteramtes NOAA. Die weltweite Durchschnittstemperatur lag bei 14,6 Grad Celsius und damit etwa 0,8 Grad über dem langjährigen Durchschnitt des 20. Jahrhunderts.

Wieder nicht ganz richtig. Selbst die NASA weist in einem Nachtrag darauf hin, dass der Rekord eher zweifelhaft ist. Aus statistischer Sicht sei es wahrscheinlicher – nämlich zu 62% – dass es keinen neuen globalen Temperaturrekord 2014 gegeben hat (siehe unseren Blogartikel “NASA rudert zurück: 2014 war möglicherweise doch nicht das wärmste Jahr der Messgeschichte. Experten: Erwärmungspause setzt sich noch 5, 10 oder 15 Jahre fort“).

Auch in Deutschland wird es wärmer. Die Durchschnittstemperatur habe erstmals bei 10,3 Grad gelegen, teilte der Deutsche Wetterdienst in seiner vorläufigen Jahresbilanz mit. In Berlin war es 2014 am wärmsten und trockensten. Dort lag die Durchschnittstemperatur bei 11,3 Grad.

Der Hinweis auf den Deutschlandrekord ist korrekt. Allerdings wies das Deutsche Klimakonsortium (DKK) am 18. Dezember 2014 darauf hin, dass Regionalrekorde wie in Deutschland wenig über den globalen Klimawandel aussagen. Lesen wir weiter bei der Bundesregierung:

Klimaschutz ist lebenswichtig

Extreme Wetterereignisse häufen sich. Im Sommer 2014 gab es vor allem im Westen und in der Mitte Deutschlands ungewöhnlich viele Unwetter mit Gewitterstürmen, Tornados und Regenfluten. Das folgenschwerste Ereignis in Europa war ein Hagelsturm im Juni. Das Sturmtief Ela überzog Frankreich, Belgien und den Westen Deutschlands mit bis zu zehn Zentimeter großen Hagelkörnern.

Wo sind die Langzeitreihen, die diese Behauptungen stützen? Wenn man sich die echten Daten anschaut, fällt so manche skizzierte “Häufung” plötzlich in sich zusammen (siehe z.B. unsere Blogartikel “Hessischer Starkregen aus dem Juli 2014 eine Folge des Klimawandels? Eher unwahrscheinlich. Statistiken zeigen eine Abnahme schwerer sommerlicher Regengüsse während der letzten 100 Jahre“, “Neue Studie des Geoforschungszentrums Potsdam: In den letzten 7000 Jahren gab es in Oberösterreich 18 hochwasserreiche Phasen“, “Neue schweizerische Studien: Künftig weniger Hochwasser in den Zentralalpen – Sonnenaktvität übt signifikanten Einfluss aus” und “Klimawandel in Deutschland: Eine geowissenschaftliche Betrachtung“). Weiter im Text der Bundesregierung:

Die Bundesregierung nimmt diese Risiken sehr ernst. “Deshalb haben wir in Deutschland bereits eine Anpassungsstrategie und einen Aktionsplan entwickelt”, sagt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. “Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten”.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete das Eindämmen des Klimawandels als gesamtgesellschaftlich zentrale Herausforderung. “Je weiter der Klimawandel voran schreitet, umso schwieriger werden die Kosten für die verheerenden Folgen des Klimawandels zu tragen sein”. Für Deutschlands Präsidentschaft im Kreis der sieben führenden Industrienationen (G7) hat die Bundeskanzlerin deshalb ihren persönlichen Einsatz für den Klimaschutz angekündigt. Es müsse endlich gelingen, neue verbindliche Vereinbarungen zu beschließen.

Auf der Webseite findet sich dann die folgende grau hinterlegte Einschubbox:

Dauerregen und Sturmfluten nehmen zu: Am 1. August 2014 fielen in Münster in sieben Stunden 292 Liter Regen pro Quadratmeter, eine der größten je in so kurzer Zeit gemessene Regenmenge. Durch den nördlich von Frankfurt gelegenen Ort Wallershausen wälzte sich eine Lawine aus Schlamm und Wasser.
Anfang Januar 2015 blockierte Sturm Elon gleich drei Hauptrouten der Deutschen Bahn: umgestürzte Bäum lagen auf den Gleisen. Innerhalb von drei Tagen brachte die Nordseeküste sechs Sturmfluten hinter sich. Zahlreiche Fährverbindungen zu den Inseln fielen aus. Auf der Insel Wangerooge blieb vom Strand vor den Hotels kaum noch etwas übrig. Eine Sturmflut hatte große Teile des Sandes weggespült. An der Hörnum Odde auf Sylt brachen rund 19 Meter Düne ab.

Eine interessante Zusammenstellung von Extremwetterbesipielen der letzten Zeit. Allerdings hat dies keinerlei Bedeutung für die Klimafrage. Extremwetter hat es immer gegeben und wird es auch in Zukunft geben. Wichtig sind in diesem Zusammenhang vor allem die Trends. Bei den Stürmen in Deutschland ist dies ziemlich klar: Betrachtet man die letzten 150 Jahre gibt es keinen Trend. Ein Wissenschaftlerteam um Sönke Dangendorf von der Universität Siegen hat die Sturmgeschichte der Nordsee für die vergangenen 170 Jahre untersucht und konnte keinen Langzeittrend bei Stürmen und Sturmfluten feststellen. Bereits 2009 hatte eine Gruppe um Hans von Storch darauf hingewiesen, dass bei den Stürmen in der Nordsee starke dekadische Schwankungen auftreten, ohne langfristigen Trend. Noch weiter zurückreichende Sturmrekonstruktionen aus dem mitteleuropäischen Raum zeigen zudem, dass die Kleine Eiszeit generell sogar stürmischer  als heute war.

Wieder zurück zum Text der Bundesregierung:

Klimawandel wird teuer

Der Klimawandel verursacht hohe Kosten. Die Gesamtkosten durch Naturkatstrophen lagen 2014 weltweit bei 110 Milliarden Dollar. Ein Zyklon in Indien verursachte zum Beispiel einen Schaden von sieben Milliarden Dollar.

Das gilt auch für Deutschland: Die Schäden, die das Sturmtief Ela allein hier verursachte, summierten sich auf 880 Millionen Euro. Der Gesamtschaden belief sich auf 3,5 Milliarden Euro.

Zyklone gab es schon immer. Zugenommen haben sie trotz Klimaerwärmung aber nicht. Vermehrte Schäden sind laut Studien mit dem Zuwachs der versicherten Werte und der Bevölkerung in den Gefahrengebieten verbunden (siehe: “Neue Arbeit von Roger Pielke Jr.: Anstieg der globalen Extremwetterversicherungsschäden basiert fast vollständig auf sozioökonomischen Gründen“). Weiter im Text:

“Schadensrelevante durch Gewitter bedingte Unwetter nehmen in verschiedenen Regionen wie den USA und in Mitteleuropa nachweislich zu”, bestätigt Peter Höppe, der Leiter der Geo-Risiko-Forschung der Versicherung Munich Re.

Wiederum muss hier nach den Langzeittrends gefragt werden. Was könnte der Antrieb der Veränderungen sein? Studien sehen hier durchaus natürliche Faktoren als mögliche Übeltäter (siehe “Blitzhäufigkeit in Brasilien pulsierte während der vergangenen 60 Jahre im Takt der Sonne“). Weiter im Text der Bunderegerung:

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft warnt schon länger vor einer Häufung von Wetterkatastrophen in den nächsten Jahrzehnten. Nach einer gemeinsamen Studie von Versicherern und Klimaforschern könnten Sturmschäden bis zum Ende des Jahrhunderts um mehr als 50 Prozent zunehmen. Überschwemmungsschäden könnten sich bis 2100 sogar verdoppeln.

Hätte, könnte, würde. Klimamodelle haben sich als wenig zuverlässig in den letzten Jahren herausgestellt. Kaum eines hat die seit 17 Jahren anhaltende Erwärmungspause vorherzusagen vermocht. Gerade bei den Überschwemmungen gibt es auch gegenteilige Prognosen (siehe “Neue begutachtete Studie in Nature Climate Change: Klimawandel lässt Hochwasser in Europa wohl in Zukunft seltener werden“). Weiter im Text:

Eile ist geboten: Die Mindestkosten einer unterlassenen Anpassung an den Klimawandel werden für die EU als Ganzes für 2020 noch mit 100 Milliarden Euro veranschlagt, für das Jahr 2050 bereits mit 250 Milliarden Euro. Ein Anstieg von zwei Grad über die vorindustrielle Zeit werde 0,2 bis zwei Prozent der Weltwirtschaftsleistung vernichten, so der Weltklimarat.

Sämtliche Berechnungen basieren erneut auf Modellen, die nicht gerade vertrauenserweckend sind. Insbesondere rechnen sie mit einer überhöhten CO2-Klimasensitivität, die nach neueren Untersuchungen wohl deutlich niedriger liegt, als lange angenommen wurde (siehe unseren Blogartikel “Studien aus 2014 geben Hoffnung: Erwärmungswirkung des CO2 wohl doch deutlich überschätzt. Offizielle Korrektur steht bevor“). Der Klimatext der Bundesregierung endet mit einer weiteren grau hinterlegten Box:

Die fünf größten Naturkatastrophen 2014
Indien: Zyklon Hudhud: 84 Tote, 7 Milliarden Dollar Schäden (Oktober 2014)
Japan: Winterschäden, 37 Tote, 9 Milliarden Dollar Schäden (Februar 2014)
Indien und Pakistan: Überschwemmungen 665 Tote, 5,1 Milliarden Dollar (September 2014)
China: Erdbeben, 617 Tote, 5 Milliarden Dollar Schäden (August 2014)
Brasilien: Dürre, 5 Milliarden Dollar Schäden (2014)

Wieder das alte Muster: Eine Aufzählung von Einzelereignissen ohne Trendangabe. Ähnliche Übersichten könnte man für jedes Jahr der menschlichen Geschichte erstellen. Über den Klimawandel sagt die Tabelle nichts aus, was allerdings die wenigsten Leser der Meldung erkennen können.

Im Zuge unserer Bemühungen zur Schaffung eines neuen Klimadialogs wollen wir die Bundesregierung anschreiben und auf die Diskrepanzen hinweisen. Vielleicht können unsere Bundeskanzlerin und ihre Minister hier ein wenig aufklären, wie die Einlassungen gemeint sind…