Fritz Vahrenholt im WaS-Interview: „Der Ausbau von Windkraft? Ein Schildbürgerstreich“

Interview mit Fritz Vahrenholt in der Welt am Sonntag am 6. März 2018 (online: 12.3.2018):

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Welt am Sonntag: Herr Vahrenholt, die Energiewende und die Klimapolitik waren in den Koalitionsverhandlungen von Union und SPD kaum wahrzunehmen. Was halten Sie in dieser Hinsicht vom Koalitionsvertrag?

Fritz Vahrenholt: Ich sehe in den 177 Seiten des Koalitionsvertrages mit Blick auf die Energiepolitik vor allem einen Schildbürgerstreich. 2019 und 2020 soll der Ausbau der Windkraft in Deutschland sogar noch einmal massiv verstärkt werden, obwohl heutzutage schon niemand weiß, wohin mit all dem Windstrom in Starkwindzeiten und in Schwachwindzeiten hilft der Ausbau nicht, denn dann bleibt die Stromproduktion nahe Null.. Das ist, wie bei den Schildbürgern, als wolle man Licht mit Säcken ins Rathaus bringen.

Welt am Sonntag: Der langjährige Staatssekretär im Umwelt- und später im Wirtschaftsministerium, Rainer Baake (Grüne), ist diese Woche mit dem Hinweis zurückgetreten, er könne die Klima- und Energiepolitik der neuen Bundesregierung nicht mittragen. Baake gilt als wichtigster Architekt der Energiewende.

Vahrenholt: Baakes Rücktritt ist ein Glück für die deutsche Energiepolitik. Er hat seit Anfang der 2000er Jahre in insgesamt acht Amtsjahren maßgeblich die Energiewende geprägt, und er ist verantwortlich für die Fehlentwicklungen, die es dabei gab. Wäre es nach ihm gegangen, wäre die Energiewende noch viel teurer geworden: er wollte die EEG-Umlage für Wind- und Sonnenstrom senken, bezahlen sollten das die Mieter durch neue Abgaben auf Heizöl und Gas und die  Autofahrer mit einer zusätzlichen  Benzinsteuer. Gott sei Dank konnte er sich damit bei seiner Ministerin nicht durchsetzen, der Vorschlag rreichte aber hintenrum  die Koalitionsverhandlungen.Eine solche Illoyalität wird dem neuen Minister Altmaier nicht gefallen haben.

Welt am Sonntag: Welche Fehlentwicklungen kritisieren Sie bei der Energiewende?

Vahrenholt: Mit der reinen Strom-Energiewende hin zu schwankendem Wind- und Sonnenstrom sind wir in eine Sackgasse geraten. Die Fehlentwicklungen der Energiewende dadurch zu korrigieren, dass wir die immer weiter steigenden Kosten den Mietern und Autofahrern aufbürden, das riecht nach Planwirtschaft. Der damalige Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), der nun Bundeswirtschafts- und Energieminister wird, bezifferte die möglichen Gesamtkosten der Energiewende vor einigen Jahren mit bis zu einer Billion – Tausend Milliarden – Euro. Das zerstört die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschlands. In seinem neuen Amt muss er alles dafür tun, dass dies nicht Wirklichkeit wird.

Welt am Sonntag: Wenn die Zahl der Windkraftwerke in Deutschland weiter so stark zunimmt, dürfte das schwierig werden.

Vahrenholt: Der Widerstand dagegen, vor allem aus Regionen mit vielen Windturbinen wie in Brandenburg, wird deutlich zunehmen. Und zu allem Überfluss zahlen die Menschen dort die höchsten Strompreise, weil in Brandenburg immer häufiger Windturbinen abgestellt werden müssen, aber trotzdem von den ostdeutschen Bürgern bezahlt werden müssen, als ob sie Strom produziert hätten. Das versteht keiner mehr. Die Bürger verlieren ihre Heimat durch Landschaftszerstörung und bezahlen dann noch die höchsten Strompreise. Der Widerstand gegen die Windkraft wird mittlerweile von 1000 Bürgerinitiativen gertagen. Dies  ist so etwas wie die neue Anti-Akw-Bewegung.

Welt am Sonntag: Sie selbst haben, durch die Gründung von Repower Systems und von RWE Innogy, die Windkraft in Deutschland großgemacht. Sind Sie mitverantwortlich für die heutigen Fehlentwicklungen?

Vahrenholt: Nein, aus zwei Gründen: Wir sollten und wollten damals nachweisen, dass Strom aus Windkraft in Deutschland eine Säule der Energieversorgung von mehreren werden kann. Dieser Nachweis ist mittlerweile längst erbracht. Nun müssten diese Windkraftwerke zunächst einmal sinnstiftend in unser Versorgungssystem integriert werden, bevor man immer neue baut. Zweitens: Repower Systems war ein Pionierunternehmen bei der Nutzung der Offshore-Windkraft in Deutschland. Wir haben immer daran geglaubt, auch später bei RWE Innogy, dass die Zukunft der Windkraft vor allem auf dem Meer liegt. Die Erzeugungsleistung der Windturbinen ist dort wesentlich größer und zuverlässiger als an Landstandorten. Und es gibt, anders als im Inland, keine Konflikte zwischen Windparks und ihren Anrainern.

Welt am Sonntag: Mit ihrer Arbeit in der Deutschen Wildtier Stiftung gehören Sie heutzutage zur Opposition gegen den Ausbau der Windkraft in Deutschland.

Vahrenholt: Viele Menschen haben durch den zügellosen Ausbau der Windkraft überhaupt erst zum Naturschutz gefunden. Sie wissen: Die einzige Möglichkeit, neue Windparks heutzutage noch zu stoppen, ist der Schutz bedrohter Arten, von Vögeln wie dem Rotmilan oder anderen Brutvögeln, von denen etwa im Jahr etwa 10.000 durch Windturbinen getötet werden, oder auch der Schutz von Fledermäusen die zu hunderttausenden Opfer von Windkraftanlagen werden. Wir sind an der Seite dieser Bürgerinitiativen.

Welt am Sonntag: Die Hersteller von Windturbinen argumentieren, nur durch den konstanten Zubau von Windturbinen könnten die Kosten für die Technologie weiter sinken.

Vahrenholt: Ich freue mich über die Kostensenkung der Turbinen, die ist aber nicht mehr relevant. Die Kosten der Speicherung von Strom, um aus flatterndem Strom verläßlichen machen sind ein Vielfaches und müssen hinzuaddiert werden. Aus der Atomkraft haben wir uns verabschiedet, Gaskraftwerke werden aus Kostengründen seit Jahren nicht mehr gebaut ­– die erneuerbaren Energien allein können aber die Versorgung noch längst nicht gewährleisten. Dafür nutzen wir derzeit  Kohlekraftwerke. Wir sehen doch, dass die Emissionen von Kohlendioxid in Deutschland seit Jahren nicht mehr sinken, obwohl immer mehr Windturbinen ans Netz kommen. Wenn wir für einen effektiven Klimaschutz tatsächlich nur noch 15 Jahre Zeit hätten, müssten wir all diesen Unfug vielleicht in Kauf nehmen. Wir haben aber für den Klimaschutz, davon bin ich nach wie vor fest überzeugt, mehr Zeit als nur 15 Jahre. Wir haben bis 2100 Zeit ­– zwei Generationen zum Umbau der Energieversorgung. Unser größter Fehler ist: Wir sind zu hektisch.

Welt am Sonntag: Angesichts schmelzender Polkappen und eines steigenden Meeresspiegels ist das doch vielleicht eine nachvollziehbare Reaktion. In Ihrem Buch „Die kalte Sonne“ von 2012 schrieben Sie, der Klimawandel mache gerade eine Pause, das verschaffe der Staatengemeinschaft Zeit. Die Mehrheit der Klimaforscher und der Klimapolitik teilt diese These nicht.

Vahrenholt: Wir werden bei den Temperaturen und beim Klimawandel in den kommenden 15 Jahren eher eine Seitwärtsbewegung sehen, bedingt durch natürliche Phänomene: Die Sonnenaktivität bleibt bis 2030 so schwach wie seit 200 Jahren nicht mehr, und die atlantische Oszillation kommt in ihrem 60-Jahres-Zyklus in eine kalte Phase. Diese Ansicht vertritt übrigens unter anderem auch die US-Raumfahrtbehörde Nasa. Die Energiewende wird unter diesem Gesichtspunkt ein wachsendes Akzeptanzproblem in unserer Gesellschaft bekommen, es wird nicht oder nur unwesentlich wärmer und wir zerstören Natur und Wohlstand in Deutschland. Entscheidend ist für mich: Wir müssen uns mehr Zeit für die Energiewende nehmen. Die Politik bekommt sonst ein riesiges Legitimationsproblem. Auch deshalb, weil der Mehrausstoß an Treibhausgasen in China sämtliche Effekte der Energiewende in Deutschland innerhalb von drei Monaten wieder zunichtemacht. Und die Chinesen machen bis 2035 so weiter. Klar ist : Wir müssen bis zum Jahr 2100 vom Kohlendioxid wegkommen. Diese Galgenfrist ist größer, als wir üblicherweise annehmen. Wir können doch nicht die heute verfügbare Technologie zu 100 Prozent für die Zukunft festschreiben, wir müssen doch zum Beispiel auch neue Technologien mit in Betracht ziehen, z.B.  die Chancen, die  die Kernfusion künftig bietet.

Welt am Sonntag: Sie bezweifeln, dass es einen von Menschen gemachten Klimawandel gibt?

Vahrenholt: Ganz im Gegenteil, Kohlendioxid ist ein klimarelevantes Treibhausgas, und der Mensch trägt zu dessen Vermehrung bei. Aber es macht einen gewaltigen Unterschied, ob die globale Temperatur dadurch in diesem Jahrhundert um ein Grad oder um 3,5 Grad ansteigt. Wir werden schon in den kommenden fünf Jahren sehen, dass der Temperaturanstieg geringer ausfällt, als gemeinhin prognostiziert wird. Ich stelle mich als Wissenschaftler immer und auch gern infrage. Aber wir sind heute bei der globalen Temperatur trotz eines zwischenzeitlichen Anstiegs wieder auf dem Niveau von 2015. Das bestätigt meine These.

Welt am Sonntag: Wie kommt die Energiewende in Deutschland effektiv voran?

Vahrenholt: Windkraft- und Solaranlagen erzeugen Strom nicht dauerhaft und zuverlässig. Wir brauchen zwingend effektive und vor allem auch wirtschaftliche Speichermedien, bevor wir ernsthafte Fortschritte bei der Energiewende erwarten dürfen. Wir müssten alle Fördermittel, die mittelfristig noch für Wind- oder Solaranlagen vorgesehen sind, stattdessen hoch konzentriert in die Erforschung von Energiespeichern stecken. Erdgas wiederum muss als Übergangsenergie eine größeren Stellenwert bekommen.. Wir brauchen neue Bezugsquellen für Erdgas – neben einer zweiten Nordstream-Pipeline aus Russland auch Importterminals für tiefgekühltes, verflüssigtes Erdgas (LNG). Und in Süddeutschland müssen Erdgaskraftwerke gebaut werden, um die Leistung der abgeschalteten Atomkraftwerke zu ersetzen.

Welt am Sonntag: Die politische Strategie für die Energiewende in den kommenden Jahren sieht vor, die Märkte für Strom, Wärme und Mobilität enger miteinander zu verbinden. Das soll dazu beitragen, das hohe Aufkommen von Windstrom gerade in Norddeutschland effektiver zu nutzen.

Vahrenholt: Die Idee, aus regenerativ erzeugtem Strom zum Beispiel Fernwärme zu machen, halte ich für abwegig. Man wandelt dabei die hochwertige Energie Strom in die niederwertige Energieform Wärme um. Warum macht man das ? In Schleswig-Holstein werden jährlich allein 300 Millionen Euro Entschädigungszahlungen für Windmüller fällig, die ihre Anlagen bei starkem Wind abschalten müssen, damit das Netz nicht überlastet wird. Mitunter zahlen die Stromversorger sogar hohe Summen dafür, Strom bei starkem Wind kurzfristig ins Ausland verschenken zu dürfen. Trotzdem soll die Fehlinvestionen in weitere Windkraftwerke in den kommenden Jahren immer weitergehen.

Welt am Sonntag: Die Elektromobilität mit Batteriefahrzeugen gilt als wichtiger Baustein für die Energiewende, sowohl für einen sauberen Straßenverkehr als auch für die Speicherung von Strom. Teilen Sie diese Ansicht?

Vahrenholt: Die Elektromobilität erzeugt zunächst einmal eine Reihe neuer Probleme. Die CO2-Bilanz ist schlechter als beim Dieselfahrzeug. Wo sollen die nötigen Stromanschlüsse für Hunderttausende, vielleicht Millionen Elektrofahrzeuge stehen? Wer reguliert, dass Tausende Fahrzeughalter Strom aus ihren Autobatterien genau dann ins Netz einspeisen, wenn er gebraucht wird? Was ist bei Windflaute wichtiger: Strom fürs Autofahren oder für den Kühlschrank ? Wie bekommen wir die Umweltschäden bei der Förderung und Veredelung der für die Batterien nötigen Spezialmetalle in den Griff?

Welt am Sonntag: Wären nicht Wasserstoff und Brennstoffzellen die bessere Antriebstechnologie für die Energiemobilität der Zukunft?

Vahrenholt: Wasserstoff hat große Vorteile, weil er gut gespeichert und in einem etablierten Tankstellennetz vermarktet werden kann. Aber heutzutage lässt sich noch keine wirtschaftliche Versorgungskette mit Wasserstoff aufbauen, wenn man ihn in der Elektrolyse mit regenerativ erzeugtem Strom herstellen will. Ich bin sehr für kreative, neue Lösungen, vor allem auch mithilfe der Stromspeicherung und der Umwandlung. Aber immer nur auf stupide Weise einfach neue Windturbinen irgendwo in den Wald zu stellen, das kann Deutschland besser…

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An english summary of the interview can be found on the GWPF website