IPCC-Anhänger argumentieren gegen den Erwärmungsstopp: Zeit für einen Faktencheck

Vor kurzem berichteten wir an dieser Stelle über die neuen globalen Temperaturdaten des Hadley Centre des britischen meteorologischen Dienstes, das in Zusammenarbeit mit der Climate Research Unit (CRU) der University of East Anglia den sogenannten HadCRUT-Datensatz herausgibt. Die neuen Daten zeigen deutlich, dass die globale Temperatur seit nunmehr 16 Jahren nicht mehr angestiegen ist (siehe unser Blogbeitrag „Neue HadCRUT-Daten belegen: Globale Temperatur seit 16 Jahren nicht mehr angestiegen“).

Die britische Tageszeitung Daily Mail berichtete ausführlich über die neuen Zahlen und den Erwärmungsstop. Selbstverständlich konnte dies den Anhängern der Klimakatastrophe nicht gefallen, so dass sich daraufhin ein wilder Schlagabtausch im Netz entspann. Frank Bosse hat die Diskussion verfolgt und die gegen den Erwärmungsstop vorgebrachten Argumente für uns auf Herz und Nieren geprüft. Dabei stieß er auf eine Reihe von seltsamen Ungereimtheiten.

 

Gastbeitrag von Frank Bosse 

 

1. Chronologie der Ereignisse 

Anfang Oktober 2012: HadCRUT4 erscheint aktualisiert bis August 2012 

13. Oktober 2012: In der britischen Tageszeitung „Daily Mail“ erscheint ein Artikel von David Rose mit dem Titel: „Die globale Erwärmung stoppte vor 16 Jahren“.

18. Oktober 2012: Bob Ward vom Grantham Research Institute on Climate Change and Environment widerspricht den Aussagen im Daily-Mail-Artikel vom 13.Oktober. Er führt an, dass es sehr wohl einen signifikanten Trend in den Temperaturen 1997 bis August 2012 gäbe.

Wards ARGUMENT 1: die verwendete mathematische Methode zur Trendanalyse wäre ungeeignet:

„These data define a warming trend of 0.047°C per decade. Applying simple linear regression using ordinary least squares to the data shows that this trend is statistically significant at the 95 per cent level. It should be noted simple linear regression using ordinary least squares is not really the best method for assessing these data| as it depends on assumptions which are violated by global temperature measurements. Nevertheless, it can be used to show that Rose’s claim that “from the beginning of 1997 until August 2012, there was no discernible rise in aggregate global temperatures” is entirely false. “ 

Wards ARGUMENT 2: Der Autor des Daily Mail Artikels hätte manipuliert, da er den Startpunkt bewusst in das warme, El Nino-beeinflusste Jahr 1997 gelegt hätte.

“Why did Rose choose January 1997 as a starting point? In April 1997, the strongest El Niño event of the 20th century| was underway, causing global temperatures to become anomalously warm. Hence by choosing January 1997 as a starting point, with the end point in mid-2012 when there was no El Niño occurring, Rose seemingly hoped to maximise his chances of finding a time period over which there was no measurable global warming.” 

20. Oktober 2012: Ein zweiter Artikel erscheint in der Daily Mail. Diesmal mit ergänzenden Aussagen von Judith Curry. Sie merkt u.a. an, dass es wissenschaftlich nicht sinnvoll ist, El Nino-Effekte und andere Ozeanzyklen-Effekte aus den Globaltemperaturen herauszufiltern und „bereinigte“ Kurven zu erstellen. Die Temperatur ist stets ein Mischprodukt aus natürlichen und anthropogenen Effekten, so dass eine separate Berechnung der globalen Temperatur physikalisch keinen Sinn macht.

21. Oktober 2012: Nach Prüfung des Arguments 1 stellte sich heraus, dass der Trend 1997-2011 statistisch nicht signifikant ist, wenn die Autokorrelation der monatlichen Werte berücksichtigt wird. Darauf wurde Greg Forster (auch als „tamino“ bekannt) in seinem Blog angesprochen. Seine Antwort auf die Frage, ob der angesprochene Trend signifikant ist (Post 21.Oktober 07:05 pm):

“No. Taking autocorrelation into account the trend is not statistically significant.”

23. Oktober 2012: Bob Ward antwortet in einer Email auf den Hinweis der Insignifikanz des Temperaturtrends 1997-2011:

„Dear ….,
Many thanks for your message. You are correct that there is a major problem in analysing monthly global average temperature values without taking into account autocorrelation, which I did point out when I provided a link to the paper by Muhlbauer and co-authors. The difficulty, as I am sure you appreciate, is finding an appropriate method for assessing the statistical significance of global temperature trends, as this paper by Liebmann et al indicates: [journals.ametsoc.org] 

Und dann bringt Ward in seiner Email ein neues Argument, das wir hier als ARGUMENT 3 führen wollen:

However, the main point of my article is not to assert that the last 15 years of monthly global average temperature values defines a statistically significant trend, but rather that the same challenges occur for many 15-year sequences over the past 40 years – ie using 15 years of data is not a good way of telling whether global warming has stopped. Best wishes, Bob  

Bob Ward
Policy and Communications Director
Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment
London School of Economics and Political Science
Houghton Street, London, UK, WC2A 2AE

 

Ward erkennt also an, dass es ein großes Problem mit seinem Argument 1 gibt. Nun erklärt er, dass aber das gleiche Problem (nämlich die Insignifikanz bei Berücksichtigung der Autokorrelation) mit vielen 15-Jahrestrends der letzten 40 Jahre bestünde und es daher kein guter Weg sei, mit diesen Trendwerten eine Aussage treffen zu wollen, ob die Erwärmung gestoppt wäre oder nicht.

23. Oktober 2012: Auf dem Blog von Forster bzw. tamino erscheint ein Link zu einem seiner Meinung nach exzellenten Beitrag auf skepticalscience.com. Dort wird Judith Curry als Leugner bezeichnet mit dem Argument, dass die Erwärmung nicht (nur) eine Erwärmung der Oberfläche wäre, sondern eine in der Tiefe der Meere (OHC). Dies wollen wir hier als ARGUMENT 4 behandeln.

 

2. Würdigung der vorgebrachten Argumente

ARGUMENT 1: Ungeeignete mathematische Methode

Der Trend der Temperaturen von 1997-2011 ist statistisch nicht signifikant positiv. Die Berücksichtigung der Autokorrelation ist zwingend erforderlich. Daher sind Jahresmittelwerte zu nutzen.

Fazit: Das Argument 1 ist nicht stichhaltig.

 

ARGUMENT 2: El Nino nicht berücksichtigt

Nach einer Bereinigung der El Nino-beeinflussen Jahrestemperatur von 1997 (anhand des Multivariate ENSO Index, MEI; siehe auch Forster/Rahmstorf 2011) ergibt sich eine Jahresmittelanomalie von 0,29K statt 0,39K für das Jahr. Berücksichtigt man dies bei der Trendberechnung 1997-2011, so ist der Trend jedoch weiterhin nicht signifikant positiv.

Fazit: Das Argument 2 des cherry-pickings via Startzeitpunkt ist nicht stichhaltig.

 

 

ARGUMENT 3: Zu kurze Zeiträume betrachtet

„15-Jahrestrends sind nicht geeignet, das Klimageschehen der letzten 40 Jahre relevant zu beschreiben. Viele dieser Trends sind nicht signifikant“.

Alle 15-Jahrestrends seit 1970 sind jedoch signifikant positiv auch bei Berücksichtigung der Autokorrelation, mit Ausnahme von:

–1972-1986 (El Chichon Vulkanausbruch am Ende)

–1979-1993  (Pinatobu Vulkanausbruch am Ende)

–1980-1994 (Pinatobu Vulkanausbruch am Ende)

–Und eben auch der besagte Zeitraum 1997-2011, um den es hier geht.

 

Das Diagramm der Trendanstiege (endzentriert):

Es beschreibt das Klimageschehen seit 1970 einigermaßen zutreffend. Auch den steilen Abfall des Trends seit 2007. Der Trend 1997-2011 ist aus gutem Grund nicht mehr signifikant. Dieser muss so gut (und besser !) sein als Pinatobu. Bereits vorher wurden ja zum Nachweis der rapiden Erwärmung kurze Zeitreihen benutzt, z.B. 16-Jahrestrends in Rahmstorf et al. (2007).

Fazit: Das Argument 3 ist nicht stichhaltig.

 

ARGUMENT 4: Die Erwärmung würde sich im Wärmeinhalt der Ozeane (ocean heat content) manifestieren.

Abbildung: Die 15-Jahrestrends des ocean heat content ( 0-700m; valide Daten bis 2000m Tiefe existieren leider nicht)

 

Unter Beachtung der Autokorrelation sind die positiven Trends zwischen 1987 und 1995 nicht statistisch signifikant, alle anderen signifikant. Auch hier erkennt man den Abfall der 15-Jahrestrends mit dem Ende nach 2007. Noch sind die Trends selbst signifikant positiv.

Gegen ein Zunehmen der Wärmeenergie in den Meeren spricht auch die Tatsache des signifkant (unter Beachtung der Autokorrelation) fallenden Trends des 2-jährigen Meeresspiegelanstieges durch die thermische Ausdehnung:

(Die Ordinatenwerte sind 2-jährige Anstiege)

 

Fazit: Das Argument 4 ist nicht stichhaltig. 

 

3. Schlussfolgerung

Dem u.a. von Judith Curry in der Zeitung „Daily Mail“ vorgebrachten Argument einer Erwärmungspause ist nichts zu entgegnen. Die Methoden der Gegner der These sind rüde, aber auch leicht angreifbar. Peinliche Fehler und vorschnelle Argumentationen ohne genügende Grundlage entstehen unter Druck. Und der muss wohl momentan sehr groß sein.

 

Datenquellen:
HadCRUT4; MEI: http://www.esrl.noaa.gov/psd/enso/mei/
Ozeanwärme (ocean heat content, OHC): http://www.nodc.noaa.gov/OC5/3M_HEAT_CONTENT/
Sea surface level: http://sealevel.colorado.edu/

Weitere Links von Interesse:
http://klimazwiebel.blogspot.de/2012/10/has-global-warming-taken-break.html
http://judithcurry.com/2012/10/21/sunday-mail-again/