Krankheitswellen im Takte der Sonne? Das Pionierwerk “Schuld ist die Sonne” von 1975

Es gibt Wissenschaftler, die sind Ihrer Zeit weit voraus und handeln sich hierdurch nichts als Ärger ein. Einer dieser Pechvögel war Alfred Wegener. Er hatte das Prinzip der Plattentektonik bereits Anfang des 20. Jahrhunderts verstanden und hoffte, seine Zeitgenossen von seiner Erkenntnis überzeugen zu können. Leider vergebens. Man schimpfte Wegener einen Clown und schloß ihn systematisch aus dem inneren wissenschaftlichen Zirkel aus (siehe unsere Blogbeiträge “Kontinentalverschiebung und Klimawandel: Die wundersame Wiederholung der Wissenschaftsgeschichte” und “Die Plattentektonik setzt sich durch: Lehren für die Klimadebatte“). Ähnlich belächelt wurde wohl der russsische Wissenschaftler Leonidowitsch Tschishewski, der in den 1930er Jahre zum Einfluss von Sonnenaktivitätsschwankungen auf die Lebewelt arbeitete und publizierte. Dabei stellte er eine faszinierende Synchronität zwischen der Sonnenfleckenentwicklung und den Statistiken etlicher Krankheiten in Russland fest (Abbildung 1 sowie weitere Abbildungen am Ende dieses Artikels).

Abbildung 1: Die Beziehung von Erkrankungshäufigkeit an Rückfalltyphus in Rußland (dicke Kurve) und der Sonnenaktivität. Aus: Sigel 1975.

 

Die Forschung von Tschishewski geriet in Vergessenheit bis schließlich der Autor Felix Sigel die Schriften wiederentdeckte und in seinem Buch “Schuld ist die Sonne” in einem populärwissenschaftlichen Format der Öffentlichkeit darstellte. Sein Buch erschien 1975 in deutscher Übersetzung im VEB Fachbuchverlag Leipzig und ist antiquarisch hier und da noch erhältlich. Im Folgenden wollen wir aus den einleitenden Passagen zitieren und Lust auf die Lektüre des gesamten Buches machen, das an seiner Aktualität trotz seiner fast 40 Jahre kaum eingebüßt hat. Aus diesem Grund mag wohl auch gerade eine Neuausgabe angedacht zu sein. Es erscheint sinnvoll, Tschishewski’s Ergebnisse mit modernen Methoden zu überprüfen. Lassen sich die Korrelationen bestätigen? Spielt die Sonne auch heute noch eine Rolle in der globalen Gesundheitsentwicklung oder haben wir uns hiervon in der modernen Zeit weitgehend entkoppelt? Interessante Fragen aus dem Bereich der “Heliobiologie”.

Auszug aus dem Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe
Was wissen wir über die Sonne? Welche Vorgänge auf diesem Himmelskörper beeinflussen direkt oder indirekt die Lebensprozesse auf der Erde? Es ist ein großes Verdienst des sowjetischen Gelehrten A. L. Tschishewski, diese Fragen vorausschauend in das Blickfeld der wissenschaftlichen Forschung gerückt zu haben. Ihm verdanken wir letztlich die Entwicklung eines neuen Forschungsgebietes – der Heliobiologie. Tschishewski beschäftigte sich mit Problemen, die im Grenzbereich mehrerer Wissenschaftsbereiche stehen, und er musste versuchen, mit den noch unvollkommenen Methoden und Kenntnissen seiner Zeit wenigstens die dringendsten Fragen zu beantworten. Mögen wir auch über manches aus dem Frühstadium dieser Arbeit, deren Beginn mehr als sechs Jahrzehnte zurückliegt, lächeln: Bei der Lektüre des vorliegenden Buches sollten wir nicht außer acht lassen, dass der bekannte sowjetische Publizist F. Sigel die Entwicklung einer Forschungsrichtung und zugleich den Weg eines Wissenschaftlers beschreibt, der seiner Zeit weit voraus war. [...] F. Sigel führt den Leser durch unwegsames wissenschaftliches Neuland. Erste Markierungspunkte sind hier zwar gesetzt, aber viele Überraschungen warten noch. Ganz gleich, wie diese aussehen werden – es gilt den Schleier der Geheimnisse zu lüften und die Gesetzmäßigkeiten der Natur ganz zu erkennen. Erst dann können wir sie auch beherrschen.

Prof. Dr. sc. nat. Horst Göhring, Direktor der Sektion Biologie der Humboldt-Universität zu Berlin

Auszug aus der Einleitung
Beim Durchstöbern der Bücherregale der Bibliothek des Moskauer Planetariums stieß ich Mitte der 30er Jahre zufällig auf ein Buch, das mich in erster Linie durch seinen Titel aufmerksam werden ließ. Auf dem hellgrauen Pappeinband stand “Epidemische Katastrophen und die periodische Tätigkeit der Sonne”. Der Name des Autors – Prof. Alexander Leonidowitsch Tschishewski – sagte mir nichts Das war verständlich, da ich damals ja erst Schüler der 7. Klasse war [...]. Epidemische Krankheiten bewegten mich wenig – über meine Gesundheit brauchte ich mich bisher noch niemals zu beklagen. Trotzdem erwachte in mir der Wunsch zu erfahren, wie und warum die Grippe, Cholera, der Typhus und alle möglichen anderen, noch weit unangenehmeren Krankheiten mit den Sonnenflecken in Zusammenhang stehen. Ich erinnere mich, dass ich das Buch Tschishewskis förmlich verschlang. Es war eine umfangreiche wissenschaftliche Monographie – die Arbeit langjähriger Untersuchungen eines Gelehrten. Natürlich habe ich damals nicht alles verstanden, die grundlegende Idee jedoch hatte sich fest in meinem Bewußtsein verankert. Der Rhythmus der Sonnenprozesse spiegelt sich im Verlauf vieler Erscheinungen der Erde wider, speziell in Krankheiten und sogar im Sterben von Menschen. Dies war die Schlußfolgerung aus vielen tausend Beobachtungen. Die Realität der auf den ersten Blick recht merkwürdig erscheinenden Zusammenhänge war unzweifelhaft. Ihre Ursachen, oder wie man auch sagt, der Mechanismus, blieben unklar.

Auszug aus dem Kapitel “Wir leben im Sonnenraum”
Wollte man die Bedeutung der Sonne für die Menschen beweisen, so hieße das, offene Türen einrennen. Ist es nicht augenscheinlich, dass die Sonne die Quelle für jegliches Leben auf unserem Planeten ist?

Die Anzahl der Zeckenencephalitiserkrankungen (punktierte Kurve) und die Sonnenaktivität (ausgezogene Kurve). Quelle: Sigel 1975.

 

Häufigkeit der Choleraerkrankungen in Rußland von 1823 bis 1923 (obere Kurve) und der Verlauf der Wolfschen Sonnenfleckenzahl (untere Kurve). Quelle: Sigel 1975.

 

Das Auftreten neuer Grippeabarten (G) in Verbindung mit charakteristischen Perioden der Sonnenaktivität. Quelle: Sigel 1975.

 

Die generelle Idee einer Verknüpfung zwischen Klima- und Krankheitsentwicklung ist heute anerkannt. So wird die Steigerung von speziellen wärmeliebenden krankheitsauslösenden Bakterien im Ostseeraum in den letzten Jahrzehnten als Folge der Erwärmung gedeutet, wie eine Studie in Nature Climate Change zeigte. Zudem wird die welweite Zunahme von Dengue-Fieber von der Weltgesundheitsorganisation WHO mit den gesteigerten Temperaturen in Zusammenhang gebracht.

 

Mit Dank an Nikola Friedl. Buchcover-Foto: Antiquariat Buchhandel Daniel Viertel.