Mehr Flüchtlinge durch Klimawandel? Asyl-Studie entsetzt Wissenschaftler

Die Klimadiskussion kann spannend sein, enthält aber auch langweilende repetierende Elemente. Letzteres hat mit der Macht von PIK & Co. über die Medien zu tun. Alarmistische Pressemitteilungen werden von den Redaktionen mithilfe von copy-paste in Minutenschnelle in ganz Deutschland verbreitet, ohne dass auch nur ein einziger fachkundiger Journalist den Inhalt geprüft hätte. Wenn dann der Unfug auffliegt, wird die Korrektur natürlich nicht in den Zeitungen gebracht, zu peinlich ist die Angelegenheit für Institute und beteiligte Schnellschussredakteure. Das Fach “Faktencheck” scheint an den Journalistenschulen abgeschafft worden zu sein.

Umso erfreulicher ist nun ein aktueller Fall. In einer kurz vor Weihnachten 2017 in Science erschienenen Arbeit von Anouch Missirian und Wolfram Schlenker, wird die These aufgestellt, dass die Massenmigration nach Europa eine Folge des Klimawandels sei. Politisch äußerst korrekt, keine Frage. Aber macht die Verknüpfung der beiden Ereignisse überhaupt wissenschaftlich Sinn? Beginnen wir mit der reißerischen Pressemitteilung der Columbia University vom 21. Dezember 2017:

Hotter Temperatures Will Accelerate Migration of Asylum-Seekers to Europe, Says Study
Wolfram Schlenker and PhD candidate Anouch Missirian find that EU could face a massive influx by 2100 if carbon emissions hold steady.

Weiterlesen bei der Columbia University

Das hätte das PIK nicht besser schreiben können. Dazu muss man wissen, dass Wolfram Schlenker offenbar eng mit dem PIK verbandelt ist, wie gemeinsame Projekte und Pressemitteilungen zeigen. Der alarmhungrige ORF stieg sofort drauf ein und titelte bereits einen Tag später:

Klimawandel beschleunigt Migration
Die Industrieländer befeuern die Klimaerwärmung am meisten, Leidtragende sind vor allem die Länder im Süden: Dadurch wird sich die Zahl der Klimaflüchtlinge in der EU laut einer neuen Prognose bis 2100 fast verdreifachen.

Weiterlesen beim ORF

Das alte Prinzop funktioniert einfach prima: Fragwürdige Studie behauptet keck, aktivistisch veranlagte Redaktion fängt den Ball nur zu gerne auf und verbreitet die schlechte Kunde sogleich im ganzen Land. Hauptnachricht: Ihr habt Euch das selber eingebrockt, Ihr ewiglichen Sünder. Ihr habet Schuld auf Euch geladen. Tuet Buße! Eine schöne Weihnachtsnachricht. Fehlt nur noch die Kontonummer einer kooperierenden Hilfsorganisation. Natürlich durfte auch der Deutschlandfunk bei dieser Stafette nicht fehlen.

Nun passierte aber ein Weihnachtswunder. Einige Redaktionen rochen den Braten und grätschten mutig dazwischen. Da wäre zunächst einmal Spiegel Online, bei dem sich Axel Bojanowski redlich bemüht, Vernunft in die Klimadiskussion zu bringen:

Mehr Flüchtlinge durch Klimawandel? Asyl-Studie entsetzt Wissenschaftler
Die Klimaerwärmung treibt Massen von Umweltflüchtlingen nach Europa, warnt eine Studie im bedeutenden Wissenschaftsmagazin “Science”. Andere Forscher gehen mit der Untersuchung hart ins Gericht. [...] “Das Ergebnis wird besonders hilfreich sein für Politiker, weil sie erkennen müssen, dass der Klimawandel nicht an Grenzen haltmacht”, kommentiert Juan-Carlos Ciscar vom Forschungsverbund JRC der Europäischen Union; der Verbund hat die Studie finanziert. Hier irre Ciscar, meinen Thomas Bernauer und Vally Koubi von der ETH Zürich: Politiker wären schlecht beraten, sich an der Studie zu orientieren. Auch alle anderen Experten, die SPIEGEL ONLINE zu der Studie befragt hat, fällen ein vernichtendes Urteil. Massenmedien jedoch berichten unkritisch: “Katastrophaler Klimawandel könnte eine Million Flüchtlinge nach Europa bringen”, titelt der “Guardian”; “Der Klimawandel soll starken Anstieg von Flüchtlingsstrom nach Europa auslösen” die Nachrichtenagentur “Reuters”; “Der Klimawandel wird voraussichtlich mehr Flüchtlinge nach Europa treiben”, die Nachrichtenagentur AP. Wissenschaftler klingen anders: “Die dümmste, idiotischste Anwendung von Statistik, die ich seit Langem gesehen habe”, wundert sich der Statistiker William Briggs von der Eliteuniversität Cornell in den USA.

Ganzen Artikel auf Spiegel Online lesen. Hier können Sie den zitierten Briggs-Blogpost lesen.

Am 25. Dezember 2017 legte Bojanowski in seinem Blog nach:

Ausführliche Kritiken an der Asyl-Prognose in „Science“

In der aktuellen Ausgabe von „Science“ hatte ich eine Studie entdeckt, die mir seltsam vorkam. Anhand einer simplen statistischen Korrelation sagen die beiden Autoren die Auswirkung der globalen Erwärmung auf die Zahl von Flüchtlingen vorher, die aus Nordafrika nach Europa ziehen.

Meine Recherche ergab, dass die Studie tatsächlich äußerst zweifelhaft ist. Ich zitiere in meinem Artikel auf SPIEGEL ONLINE diverse Experten. Weil ich naturgemäß jeweils nur kleine Teile ihrer Aussagen zitieren konnte, stelle ich die interessanten Stellungnahmen der von mir befragten Wissenschaftler hier in voller Länge vor:

Weiterlesen im Blog von Axel Bojanowski.

Teil 2 des Weihnachtswunders steuerte der ansonsten in Klimafragen so unkritische Focus bei. Auch dort lehnte man die neue Arbeit ab und verwahrte sich gegen aktivistisch gefärbte Forschung. War Michael Odenwald bereits im Weihnachtsurlaub? Focus am 22. Dezember 2017:

“Hochspekulativ und dumm”: Forscher zerlegen Studie, die neue Flüchtlingswelle prognostiziert
[..] Doch nun regt sich in der wissenschaftlichen Gemeinde Zweifel an der Studie. William Briggs von der Universität Cornell sagte gegenüber dem “Spiegel“: “Die dümmste, idiotischste Anwendung von Statistik, die ich seit Langem gesehen habe.” Auch Tobias Ide vom Georg-Eckert-Institut in Braunschweig warnt davor, “den Zusammenhang zwischen wärmeren Temperaturen und Migration derart vereinfacht darzustellen”. Die Wissenschaftlicher der Columbia University hatten demnach lediglich analysiert, wie hoch und lange die Temperatur in den Maisanbaugebieten bestimmter Länder über 20 Grad gestiegen war – und dann festgestellt, dass in solchen Zeiten mehr Asylanträge aus diesen Ländern gestellt wurden.

Ganzen Artikel auf focus.de lesen.

Ein toller Fall journalistischer Courage. Chapeau. Bitte mehr davon!