Grafisches Nudging: Glauben Sie ja nicht immer das, was Sie gerade sehen

Von Uli Weber

Wenn Sie mit irgendwelchen Grafiken von angeblichen wissenschaftlichen Tatsachen überzeugt werden sollen, dann ist höchste Vorsicht geboten.

Der versteckte Nullpunkt: Achten Sie einmal auf den Nullpunkt der jeweiligen Grafik. Sollte dieser dort nämlich in einer Ausschnittsvergrößerung gar nicht dargestellt worden sein, könnte es sich bereits um den Versuch einer Einflussnahme handeln, weil Ihnen der absolute Bezugspunkt vorenthalten wird. In diesem Fall überlegen Sie einfach einmal, wo der betreffende Nullpunkt liegen müsste und welche Folgerung sich daraus unter Berücksichtigung des jeweiligen Maßstabs für die dort getroffene Aussage ergibt.

Abbildung: Die globale Durchschnittstemperatur. Autoren: Janacek, Gareth: Practical Time Series, London (Arnold 2001). Von Fernuni Hagen.


Der Autor konnte aktuell kaum noch passende Beispiele für diese Problematik finden, auch die Abbildung oben ist schon älteren Datums. Vielmehr ist man in der Klimaforschung offenbar inzwischen dazu übergegangen, solche Temperaturkurven gleich auf einen relativen Nullpunkt ohne absolute Wertangabe zu beziehen und damit den sehr hilfreichen Bezug des Betrachters auf den tatsächlichen Nullpunkt von O Grad Celsius völlig zu unterbinden:


Abbildung: Globaler Temperaturindex Oberflächentemperaturen Land und See 1880–2016 relativ zum Mittelwert von 1951–1980. Gemeinfrei. By NASA Goddard Institute for Space Studies (http://data.giss.nasa.gov/gistemp/graphs/) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Neben einem imaginären Mittelwert als absoluten „0“-Punkt hilft der Argumentation natürlich auch ein eingeschränkter Betrachtungszeitraum. In beiden Abbildungen wird also ganz eindeutig ein „menschengemachter“ Temperaturanstieg zwischen 1880 und 2016 dargestellt. Wenn man jetzt aber den zeitlichen Kontext auf einen größeren Zeitraum ausweitet, dreht sich das Ergebnis plötzlich diametral um. Aus der Presseerklärung der Justus-Liebig-Universität Gießen Nr. 156 vom 9. Juli 2012:

Klima in Nord-Europa während der letzten 2.000 Jahre rekonstruiert: Abkühlungstrend erstmalig präzise berechnet… Berechnungen beeinflussen auch die Beurteilung des aktuellen Klimawandels – Gießener Wissenschaftler an Veröffentlichung in „Nature Climate Change“ beteiligt…“

Abbildung der Universität Gießen. Das rote Quadrat auf der rechten Seite bezeichnet etwa den Zeitraum, den die beiden obigen Abbildungen darstellen

 

Zitate aus dieser Pressemitteilung:

Römerzeit und Mittelalter waren wärmer als bisher angenommen: Unter Beteiligung der Justus-Liebig-Universität Gießen hat ein internationales Forschungsteam jetzt eine 2.000-jährige Klimarekonstruktion für Nord-Europa anhand von Baumjahrringen vorgestellt…

„…Im Prinzip erscheint diese Zahl nicht sonderlich beeindruckend‘, sagte Prof. Luterbacher, ‚allerdings ist sie im Vergleich zur globalen Erwärmung, die bis heute auch weniger als 1°C beträgt, nicht zu vernachlässigen. Wir konnten nun zeigen, dass die großräumigen Klimarekonstruktionen, die auch vom internationalen Klimarat ‚IPCC‘ verwendet werden, den langfristigen Abkühlungstrend über die letzten Jahrtausende unterschätzen.“

Es wird grafisch also immer wärmer, während es langfristig eigentlich immer kälter wird…

 

Vergleich von Differenzen: Noch erfolgreicher ist die zielgerichtete Darstellung von Differenzen. Der IPCC gibt den anthropogenen Anteil an der Klimagenese (Radiative Forcing) (50) mit 1,6 W/m² an, während der Beitrag der Sonneneinstrahlung dort nur 0,12 W/m² beträgt:

 

Abbildung: Die Komponenten des atmosphärischen Strahlungsantriebs. (Global average radiative forcing estimates and ranges in 2005 for anthropogenic greenhouse gases and other important agents and mechanisms) Attribution-ShareAlike 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0). Quelle: Arne Nordmann (norro) – Own drawing, based on Image:600px-Radiative-forcings.svg.png by Leland McInnes. Wikipedia.
All data ist from the IPCC Fourth Assessment Report Summary for Policymakers.…

 

Die Argumentation des IPCC zielt dort auf eine Erklärung für den Temperaturanstieg seit 1750 ab. Der Witz ist nun, dass hier der maximal mögliche menschliche Klimabeitrag durch IR-aktive Gase, die ohne eine Primärquelle gar keinen eigenständigen Temperaturbeitrag liefern können, mit dem Differenzbetrag der vorgeblichen Schwankung der Primärquelle Sonne seit 1750 in Beziehung gesetzt wird, was optisch ein überwältigendes Szenario für einen menschengemachten Klimaeinfluss ergibt.

Wenn man nun aber die tatsächlichen Einflussgrößen auf unser Klima betrachten will, dann muss man hier die tatsächliche Sonneneinstrahlung von 1.367 W/m² in Beziehung setzen, um sich die wirkliche Relation für eine mögliche Klimarelevanz des menschlichen Einflusses vor Augen zu führen. Und da liegt dann der maximal befürchtete (sekundäre) Klimaeinfluss des Menschen bei etwa einem Promille der tatsächlichen Sonneneinstrahlung (nebenstehende Abbildung des Autors).

Der Klimaeinfluss des Menschen ist also gegenüber der Sonneneinstrahlung zu vernachlässigen.

 

Darstellung von Prozentwerten: Es ist in Mode gekommen, bei populärwissenschaftlichen Abbildungen aus der Klimaforschung die Werte der betrachteten Elemente in Prozenten anzugeben. Damit ist es nicht nur möglich geworden, Äpfel und Birnen direkt zu vergleichen, sondern auch spontane Plausibilitätsabschätzungen des Betrachters zu unterbinden. Denn selbst mit der Angabe, auf welche Basis sich die Prozentangabe bezieht, werden die tatsächlichen Zahlenwerte verschleiert und erfordern für das tiefere Verständnis eine Umrechnung, die ein fachfremder Betrachter üblicherweise nicht leisten wird.

 

Abbildung: Energiebillanz der Erde. Gemeinfrei aus Wikipedia. By Christoph S. (original image, freely redrawn by Gissi) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Und hier wird noch nicht einmal angegeben, welcher Strahlungswert in [W/m²] durch 100% eigentlich repräsentiert wird, also kann man’s auch gar nicht erst zurückrechnen. Oder wären Sie vielleicht auf Anhieb darauf gekommen, dass es sich hierbei um ein Viertel der Solarkonstante von 1.367 [W/m²] handelt?